Der Kindlifresserbrunnen (deutsch: „Kindfresserbrunnen“) in Bern ist eines der bekanntesten und umstrittensten Kunstwerke der Schweiz. Er stammt aus dem Jahr 1545/46 und wurde vom Bildhauer Hans Gieng geschaffen, der auch andere Berner Brunnen gestaltete. Der Brunnen steht am Kornhausplatz in der Altstadt von Bern und ist Teil einer Reihe von Renaissance-Brunnen, die die Stadt schmücken. Er ersetzte einen älteren Holzbrunnen und dient als öffentliches Kunstwerk mit Wasserspender. Die Figur des „Kindlifressers“ ist eine groteske Darstellung, die seit Jahrhunderten zu Interpretationen und Debatten anregt.
Beschreibung der Figur
Die zentrale Figur des Brunnens ist eine überlebensgroße, stehende männliche Gestalt aus bemaltem Sandstein, die auf einer Säule thront. Sie stellt einen bärtigen Mann dar, der als „Oger“ oder „Riese“ interpretiert wird. Der Kindlifresser hält ein nacktes Kleinkind in seiner linken Hand und beißt in dessen Kopf, während er weitere Kinder in einem Sack über der Schulter trägt. In seiner rechten Hand hält er ein weiteres Kind, das er anscheinend als Nächstes verschlingen wird. Die Figur ist detailliert gearbeitet, mit muskulösem Körper, offener Mundhaltung und einem Ausdruck von Gier oder Wahnsinn. Die Kinder sind dargestellt als hilflose, nackte Säuglinge, was die Grausamkeit der Szene verstärkt. Der Brunnen ist polychrom bemalt, was die Figur lebendig und bedrohlich wirken lässt. Die Säule ist mit Ornamenten und Figuren verziert, die auf Renaissance-Motive hinweisen, wie Fabelwesen oder Früchte.
Kleidung und Status der Figur
Die Figur trägt eine typische Renaissance-Kleidung, die auf einen niederen oder bäuerlichen Status hinweist: Eine enge Hose, ein Wams oder Jacke mit aufgeschlagenen Ärmeln und eine Kopfbedeckung, die wie ein spitzer Hut oder eine Mütze aussieht. Die Kleidung ist schwarz-weiß bemalt, mit gelben Akzenten, was auf eine einfache, nicht adelige Herkunft hindeutet. Kunsthistorisch wird der Hut oft als „Judenhut“ interpretiert, eine mittelalterliche Kopfbedeckung, die Juden in Europa tragen mussten, was auf eine mögliche antisemitische Symbolik verweist . Der Status der Figur ist ambivalent: Als Riese oder Oger wirkt sie mächtig und bedrohlich, aber ihre Kleidung deutet auf einen gewöhnlichen Mann hin, vielleicht einen Bauern oder Handwerker. Schlussfolgerungen: Die Kleidung symbolisiert die Banalität des Bösen – ein „normaler“ Mann, der Kinder frisst, was eine Warnung vor alltäglichen Gefahren sein könnte . Sie unterstreicht den sozialen Status als „einfacher“ Mensch, der Macht ausübt, und verstärkt die moralische Botschaft.
Warum ein Mann und nicht z. B. ein Drache?
Die Wahl einer menschlichen männlichen Figur statt eines mythischen Wesens wie eines Drachen ist kunsthistorisch bedeutsam. Drachen symbolisieren in der christlichen Ikonografie oft das Böse oder den Teufel (z. B. in St. Georg-Legenden), sind aber übernatürlich und fern. Ein Mann macht die Bedrohung realer und näher – er ist anthropomorph, ein „Mensch unter Menschen“, was die Angst vor realen Gefahren steigert . Mögliche Gründe:
- Historischer Kontext: Im 16. Jahrhundert waren Kindermorde oder Kindesopfer-Themen in Folklore und Religion präsent (z. B. Saturn/Chronos, der seine Kinder frisst, um seine Macht zu sichern) . Ein Mann als Vaterfigur symbolisiert patriarchale Gewalt oder Erziehungswarnung.
- Nicht Drache: Ein Drache wäre zu fantastisch – die Figur soll warnen, nicht unterhalten. Als Mann ist sie eine Allegorie für menschliche Sünden (Gier, Kindermord) . Antisemitische Theorien sehen den Mann als Jude (mit Hut), was eine reale Gruppe diffamiert, nicht ein Monster .
- Schlussfolgerungen: Die menschliche Form macht die Figur zugänglich und bedrohlich – eine Warnung vor Alltagsgefahren (z. B. Kindesmissbrauch, Not) oder sozialer Kritik (Überbevölkerung, Kindstötung in Krisen) . Es könnte auch eine Satire auf die Obrigkeit sein .
Schlussfolgerungen zum Kunstwerk
Der Kindlifresserbrunnen ist ein Renaissance-Meisterwerk von Hans Gieng, das Berns Brunnenkultur repräsentiert. Kunsthistorisch symbolisiert er Ängste des 16. Jahrhunderts: Hungersnot, Kindstötung oder mythologische Figuren wie Kronos . Antisemitische Interpretationen (Jude als Kindfresser) sind seit dem 19. Jahrhundert diskutiert, aber nicht bewiesen; die Stadt Bern hat 2024 eine neue Erklärungstafel hinzugefügt, um Deutungen zu klären . Schlussfolgerungen: Es ist eine moralische Allegorie für die Banalität des Bösen, eine Warnung vor gesellschaftlichen Gefahren, und ein Symbol für Berns Geschichte. Die Figur als Mann verstärkt die menschliche Nähe und macht das Werk unvergesslich bedrohlich.
Links:
https://www.derbund.ch/stadt-bern-beschriftet-kindlifresserbrunnen-neu-669942353745
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